Trauer, Wut und Entschlossenheit: Ein Jahr Krieg in
der Ukraine
Duisburg,
19. Februar 2023 -
Freies Russland NRW e.V. mit Gedenk- und
Protest-veranstaltungen zum Jahrestag des russischen
Angriffskriegs Düsseldorf, 17. Februar 2023. Ein Jahr nach
dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine trauert
die demokratisch-orientierte russischsprachige Community in
NRW um die Opfer des Krieges. Bei einer Gedenkaktion am 23.
Februar in Düsseldorf erinnert sie sich an die gefallenen
Zivilisten und Verteidiger der Ukraine.
Am 24. Februar unterstützt Freies Russland NRW e.V. die
ukrainische Kundgebung in Köln, die anlässlich des
Jahrestages stattfindet. Schließlich ruft der Verein zu
einer eigenen Aktion „Sieg für die Ukraine - Freiheit für
Russland“ am 25. Februar in Düsseldorf auf. Am 24. Februar
2022 hat sich die Welt verändert. Vor allem für die
Ukrainer, die in den frühen Morgenstunden vom russischen
Angriff auf den unabhängigen Staat überrascht wurden. Aber
auch für die russischen Staatsbürger im In- und Ausland, die
beim Erhalt dieser Nachricht vollkommen fassungslos wurden.
Das Jahr des russischen Terrors in der Ukraine zerstörte
Hunderttausende von Leben und Schicksalen.

„Wir trauern um jeden verstorbenen Menschen, jedes Kind,
jede Frau, jeden Mann, die ihr Leben in der Ukraine verloren
haben. Als Kämpfer für die Freiheit oder als unschuldige
Opfer eines wahnsinnig gewordenen Diktators“, sagt Yuri
Nikitin, Vorstandsvorsitzender von Freies Russland NRW. „Wir
bringen diese Trauer und unser Beileid mit einer Aktion am
23. Februar in Düsseldorf am Generalkonsulat der Ukraine in
Düsseldorf zum Ausdruck, ergänzt der gebürtige Russe. Bei
der Gedenkveranstaltung sollen die Menschen Blumen und
Kerzen mitbringen und in Stille den Opfern gedenken.
•
We stand with Ukraine – Wir stehen mit der Ukraine
Dieser Slogan der Solidarität mit der Ukraine ist längst
mehr als ein Hashtag auf sozialen Medien. Für die
russischsprachige Community bedeutet er auch die
Verantwortung für das, was das Kreml-Regime auch in ihrem
Namen in der Ukraine anrichtet. Bei der Kundgebung in Köln
am 24. Februar 2023 stehen sie deshalb Schulter an Schulter
mit den Ukrainern und fordern bedingungslose Unterstützung
für den Sieg über die russische Armee und für den Frieden in
Europa.

Bereits am 24. Februar 2022 hat Freies Russland NRW den
Angriff auf die Ukraine aufs Schärfste verurteilt. Seitdem
sind die Vereinsmitglieder unermüdliche Kriegsgegner und
Helfer für die betroffenen Ukrainer. Bei einer der letzten
Spendenaktionen sammelte Freies Russland NRW 16 Tausend Euro
für die internationale Aktion „Wärme für die Ukraine“ und
schickte 25 Stromgeneratoren in die zerstörten Gebiete.
Aktuell sind bereits weitere 10 Tausend von ca. 20
benötigten Tausend Euro für einen Großgenerator
eingetroffen.
•
Sieg für die Ukraine – Freiheit für Russland
Am 25. Februar ruft Freies Russland NRW zur eigenen
Kundgebung in Düsseldorf auf. „Wir wollen Gesicht zeigen! Es
ist wichtig, dass wir nicht nur im Hintergrund helfen,
sondern auch ein Signal senden, dass viele Russinnen und
Russen gegen den Krieg sind“, betont Nikitin. Die
russischsprachige Antikriegscommunity in Deutschland ist
groß und breitflächig aktiv. Sie wächst auch von Woche zur
Woche: mit den Menschen, die nicht mehr still sein wollen
und auch mit den vielen Neuankömmlingen, die unter diesen
Umständen aus Russland fliehen.
Der Ausmaß der Repressalien verblasst zwar vor den
Kriegsverbrechen in der Ukraine, doch er darf nicht
unterschätzt werden. Über 600 politische Gefangene, tausende
Verurteilungen vor Gericht und noch mehr Verfolgte – das ist
die traurige Bilanz der zivilgesellschaftlichen
Antikriegsbewegung in Russland. „Hier in Deutschland gehen
wir auch für diejenigen auf die Straße, die es nicht in
ihrer Heimat machen können“, so Nikitin.
Mit diesen Veranstaltung schließt sich Freies Russland NRW
der weltweiten russischsprachigen Community an, die mit den
Aktionen “Jahr des Terrors” in über 100 Städten Events gegen
die russische Militäraggression und zum Gedenken an die
Opfer von Putins Terror in der Ukraine organisieren. Eine
umfangreiche Liste dieser Aktionen ist auf der Website der
“Freien Russen” zu finden.

Übersicht der NRW-Events Gedenkveranstaltung an die Opfer
des Krieges in der Ukraine:
•
23.02.2023 20:00 Uhr Düsseldorf, Generalkonsulat der Ukraine
Keine Flaggen, keine Parolen – Blumen, Kerzen und Stille
Jahrestag des Ukraine-Krieges:
•
24.02.2023 19:00 Uhr Köln, Roncalliplatz Kundgebung von
Blau-Gelbes Kreuz e.V.
•
Sieg für die Ukraine – Freiheit für Russland:
•
25.02.2023 15:00 Uhr Düsseldorf Marktplatz Kundgebung von
Freies Russland NRW
"Die Kinder sollen ihr Leben leben!"
Serhii Lukashov - Foto: Ilievska Katerina - schildert seine
Erfahrungen als Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine
in einem Jahr Krieg
Wie haben Sie den 24. Februar 2022 erlebt?
Serhii Lukashov: Es war ein Schock, aber keine Überraschung!
Wir ahnten seit Herbst 2021, dass es einen Krieg geben wird
– obwohl das schwer wahrzuhaben war. Deshalb hatten wir
bereits vor der Invasion viele Vorkehrungen getroffen.
Welche Vorsichtmaßnahmen waren das?

Lukashov: Wir haben Vorräte in unseren SOS-Sozialzentren in
der Region Luhansk gelagert und bereiteten
Lebensmittelpakete vor. Wir begannen mit den Vorbereitungen
für die Evakuierung unserer Pflegefamilien und Kinder.
Wie stand es um die Kinder in staatlichen Institutionen?
Lukashov: Wir machten uns Sorgen um alle Kinder, inklusive
der Kinder in staatlicher Obhut. Gemeinsam mit unseren
Partnern wandten wir uns an die Behörden mit der Bitte, für
den Ernstfall Krieg gewappnet zu sein. Leider wissen wir,
dass die erforderlichen Maßnahmen nicht rechtzeitig
ergriffen wurden. Die ersten Kriegswochen waren für
zehntausende Kinder in Pflegefamilien und Heimen eine
gewaltige Belastung, die Spuren hinterlässt.
Im Gegensatz dazu konnten Kinder, Familien und
Mitarbeiter aus den Programmen der SOS-Kinderdörfer
teilweise schon Wochen vor dem Kriegsbeginn evakuiert
werden?
Lukashov: Ja. Zwei Wochen vor dem Krieg konnten wir unsere
Pflegefamilien aus den Regionen Kiew und Luhansk davon
überzeugen, in den Westen der Ukraine zu ziehen. Wie alle
anderen wollten sie nicht an die Gefahr glauben, und daher
ihre Heimatorte nicht verlassen. Aber sie vertrauten unserer
Erfahrung: Wir haben unsere Arbeit in der Region Luhansk im
Jahr 2012 begonnen, wo 2014 ein Krieg ausbrach. Unsere
Mitarbeiter arbeiten seit acht Jahren an der Kontaktlinie
und unterstützen kontinuierlich traumatisierte Kinder und
Eltern.

Spielerisch erlittenes Leid verarbeiten. Dieses Bild ist in
Lviv entstanden und zeigt eine ukrainische Mutter mit ihrem
Kind in einem Projekt der SOS-Kinderdörfer. Foto: Viktoria
Gudova
Was geschah dann?
Lukashov: Als die Invasion begann, waren die meisten
unserer Kinder aus den Pflegefamilien bereits in Sicherheit.
Dann boten unsere Kollegen von den SOS-Kinderdörfern in
Polen an, all diese Familien aufzunehmen. Unsere und die
polnischen Mitarbeiter helfen ihnen, sich an die neue
Situation zu gewöhnen und weiterzumachen, ohne ihr Leben auf
Eis zu legen und abzuwarten. Denn wir wissen nicht, wann wir
sie nach Hause holen können. Aber diese Zeit wird kommen.
Bis dahin sollen die Kinder lernen, sich weiter entwickeln,
Freunde treffen, erwachsen werden. Kurz: Sie sollen ihr
Leben leben!
Wie ging es Ihnen und den anderen SOS-Mitarbeitern?
Lukashov: Wir alle sind Menschen. Natürlich hatten wir
Angst. Auch wir mussten mit unseren eigenen Familien fliehen
und uns in Sicherheit bringen. Unsere Mitarbeiter haben aber
– während sie sich selbst gerettet haben – auch weiterhin
Menschen in Not gerettet. Wie zum Beispiel?
Lukashov: Einige saßen in verschiedenen Städten fest, die
unter schwerem Beschuss standen. Obwohl sie nicht in der
Lage waren, sich selbst zu evakuieren, koordinierten sie aus
den Kellern heraus, die Evakuierung anderer Menschen. Eine
andere Mitarbeiterin rief uns aus Uschhorod an: „Um mich
herum sind Hunderte von Müttern mit Kindern. Sie brauchen
Hilfe. Ich weiß, was zu tun ist, denn ich arbeite seit zehn
Jahren für die SOS-Kinderdörfer.“
Und dann stellte sie mit unserer Unterstützung die
nötige Hilfe auf die Beine. Was ist Ihre Botschaft an die
Welt?
Als Ukrainer möchte ich sagen, dass ich Europäer bin. Wir
kämpfen für die Umsetzung der europäischen Prinzipien, für
Menschenrechte, Demokratie, Wirtschaftsfreiheit und die
Zusammenarbeit zwischen allen Nationen. Wir sprechen unseren
europäischen Schwestern und Brüdern unsere Dankbarkeit dafür
aus, dass sie ukrainische Kinder in Europa beherbergen, aber
wir möchten, dass die Kinder nach Hause zurückkehren. Wir
möchten, dass die Kinder hier menschenwürdige
Lebensbedingungen in einem familiären Umfeld haben.
Die Aufmerksamkeit der Medien für Kriege und Krisen ist von
kurzer Dauer, aber die Bedürfnisse von Kindern sind
langlebig. Die Kinder, die jetzt traumatisiert sind, werden
jahrelange Hilfe brauchen. Wir hier in der Ukraine sind
bereit, diese Hilfe zu leisten. Wir bleiben hier trotz
Krieg, trotz der Nachkriegsverwüstungen. Wir unterstützen
Familien mit Kindern, damit jedes Kind in einer liebevollen
Familie aufwächst.
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Serhii Lukashov, Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine,
überreicht einer Kollegin in Lwiw ein Hilfspaket. Foto:
Ilievska Katerina